Fachwissen & Leitfäden

Wissensbibliothek

Fachbeiträge, Leitfäden und Checklisten für professionelles Handeln in Gesundheits-, Sozial- Bildungs- und Behördenwesen – ergänzt um Hilfs- und Beratungsstellen sowie amtliche Informationen.

Die Bibliothek wächst fortlaufend - schauen Sie regelmäßig vorbei, um neue Inhalte zu entdecken

Fachbeiträge

Fachwissen & Leitfäden für professionelles Handeln

Die Fachbeiträge dieser Wissensbibliothek entstehen unter Berücksichtigung der aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen, anerkannter fachmethodischer Standards sowie der Sicherheitsvorgaben für bayerische Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Sie werden regelmäßig auf Aktualität geprüft.

01Recht · § 13 StGB

Die Garantenstellung: Besondere Rechtspflichten für Fachkräfte

In helfenden Berufen, wie z.B. der Pflege, der Suchthilfe oder im Krankenhaus, besteht zwischen Fachkraft und Klient ein besonderes Vertrauens- und Schutzverhältnis. Rechtlich kann dies zur sogenannten Garantenstellung (§ 13 StGB) führen. Das bedeutet: Fachkräfte können verpflichtet sein, im Rahmen ihrer konkreten Zuständigkeit und der Zumutbarkeit dafür einzustehen, dass ihren Klienten kein Schaden zustößt.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Was bedeutet „Garant“ sein?

Ein Garant ist jemand, der rechtlich dafür verantwortlich ist, eine Gefahr von einem bestimmten Rechtsgut (Leben, Gesundheit, Freiheit) abzuwenden. In sozialen und medizinischen Einrichtungen kann diese Pflicht insbesondere aus dem Arbeitsvertrag und/oder der tatsächlichen Übernahme konkreter Betreuungssituationen entstehen.

Es wird unterschieden zwischen:

Beschützergarant

Sie müssen den Klienten vor Gefahren von außen schützen (z. B. Sturzprävention, Schutz vor Übergriffen durch Dritte oder andere Klienten).

Überwachergarant

Sie müssen verhindern, dass von Ihrem Klienten oder einer Gefahrenquelle im Raum eine Gefahr für andere ausgeht (z. B. bei akuter Fremdgefährdung in der Psychiatrie oder Suchthilfe).

2. Das Risiko: „Begehen durch Unterlassen“

Die Garantenstellung führt dazu, dass eine Fachkraft nicht nur für das bestraft werden kann, was sie tut (aktiv), sondern auch für das, was sie nicht tut (passiv).

Beispiel

Sieht eine Pflegekraft zu, wie ein Klient einen anderen massiv bedroht oder verletzt, ohne einzugreifen (im Rahmen der Zumutbarkeit), kann dies unter Umständen als Körperverletzung durch Unterlassen gewertet werden.

Abgrenzung

Während ein Passant auf der Straße „nur“ wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden kann, wird die Fachkraft strafrechtlich so behandelt, als hätte sie den Schaden durch aktives Tun verursacht, sofern eine Garantenstellung bestand.

3. Grenzen der Garantenpflicht

Die Pflicht zum Handeln ist nicht grenzenlos. Sie endet dort, wo:

  • Unmöglichkeit: Die Hilfeleistung ist faktisch nicht möglich.
  • Unzumutbarkeit: Die Fachkraft müsste ihr eigenes Leben oder ihre Gesundheit in erhebliche Gefahr bringen (Eigensicherung geht vor!).
  • Selbstbestimmungsrecht: Klienten dürfen (sofern sie einwilligungsfähig sind) bestimmte Hilfen ablehnen. Hier entsteht ein Spannungsfeld zwischen Schutzpflicht und Freiheitsrechten.

Checkliste für Fachkräfte: Handeln als Garant

  • Wahrnehmung: Habe ich eine Gefahr für den Klienten erkannt oder hätte ich sie erkennen müssen?
  • Zumutbarkeit: Kann ich eingreifen, ohne mich selbst massiv zu gefährden? (Wenn nein: Sofort Hilfe/Notruf organisieren)
  • Dokumentation: Habe ich meine Bemühungen, den Schaden abzuwenden, lückenlos dokumentiert? (Die Dokumentation ist ein zentraler Beweis bei rechtlichen Prüfungen).

Wichtiger Praxis-Hinweis für Einrichtungen: Die Garantenpflicht betrifft nicht nur die einzelne Fachkraft, sondern auch die Einrichtungsleitung (Organisationsverschulden). Diese muss durch ausreichende Personalschlüssel und klare Deeskalationsleitfäden sicherstellen, dass Mitarbeiter ihrer Garantenpflicht überhaupt nachkommen können.

Fachliche Quellen & Rechtssicherheit

Rechtsgrundlage: § 13 StGB (Begehen durch Unterlassen).

Rechtsprechung: Anerkannte Grundsätze zur Garantenstellung aus Vertrag und tatsächlicher Übernahme (Schutzpflichten im Gesundheitswesen).

Hinweis: Dieser Text dient der Sensibilisierung für die erhöhte Haftung im professionellen Kontext.

Vom Wissen in die Praxis: Was die Garantenstellung für Ihr Handeln in Krisensituationen konkret bedeutet, bearbeiten wir praxisnah in meinen Inhouse-Schulungen – abgestimmt auf die Aufgaben und Zuständigkeiten Ihrer Einrichtung.

Inhouse-Schulungen ansehen →

02Recht · § 32 StGB

Notwehr & Nothilfe: Rechtlicher Handlungsrahmen in Krisensituationen

Die Anwendung von körperlichem Zwang oder Abwehrmaßnahmen ist in helfenden Berufen immer das letzte Mittel (Ultima Ratio). Um in diesen Extremsituationen professionell und besonnen agieren zu können, ist die Kenntnis der rechtlichen Grundlagen nach dem Strafgesetzbuch (StGB) unerlässlich.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Die Notwehr (§ 32 StGB)

Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich selbst abzuwenden.

  • Der gegenwärtige Angriff: Ein Angriff ist gegenwärtig, wenn er unmittelbar bevorsteht, gerade stattfindet oder noch andauert. Präventive Gewalt („bevor er schlägt, schlage ich“) oder Racheakte nach einem beendeten Angriff sind nicht durch Notwehr gedeckt.
  • Die Erforderlichkeit: Die Abwehrhandlung muss geeignet sein, den Angriff sicher zu stoppen. Dabei ist ein erforderliches Mittel zu wählen, das den Angriff sicher beendet; dies ist regelmäßig das mildeste gleich geeignete Mittel.
  • Keine Abwägung der Güter: Im Notwehrrecht müssen Sie nicht „Leben gegen Leben“ abwägen. Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen. Dennoch kann sich aus dem Gebotenheitsprinzip bei erkennbar schuldunfähigen Personen (z. B. Menschen mit Demenz oder in akuten psychotischen Schüben) eine besondere Zurückhaltungspflicht ergeben.

2. Die Nothilfe (§ 32 StGB)

Nothilfe ist die Abwendung eines Angriffs auf einen anderen Menschen.

  • In sozialen Einrichtungen kann die Nothilfe im Rahmen der jeweiligen Garantenstellung Teil der beruflichen Pflicht sein (z. B. Schutz eines Klienten vor einem anderen Klienten).
  • Es gelten die gleichen Regeln wie bei der Notwehr: Der Schutz Dritter rechtfertigt ein Eingreifen, sofern dieses erforderlich und verhältnismäßig ist.

3. Der Exzess und die Putativnotwehr (Vorsichtsfalle)

Notwehrexzess

Überschreitet eine Fachkraft aus Furcht, Schrecken oder Verwirrung die Grenzen der Notwehr (z. B. durch zu massive Gewalt), kann die Bestrafung entfallen, die Handlung bleibt jedoch rechtswidrig.

Putativnotwehr

Hierbei glaubt die Fachkraft irrtümlich, angegriffen zu werden (z. B. eine hektische Bewegung eines Klienten wird als Schlag gedeutet). Da kein objektiver Angriff vorliegt, ist dies keine Notwehr, kann aber bei der Schuldfrage berücksichtigt werden.

Leitfaden für die Praxis: Die „3-Sekunden-Prüfung“

Bevor Sie physisch intervenieren, sollten Sie (wenn möglich) folgende Fragen klären:

1 · Gefahr

Findet der Angriff jetzt statt?

2 · Mittel

Ist dies die sanfteste Art, den Angriff zu stoppen? (z. B. Festhalten statt Stoßen).

3 · Haltung

Agiere ich zur Verteidigung oder zur Bestrafung?

Dokumentation nach dem Vorfall

Jede Notwehrhandlung muss lückenlos dokumentiert werden. Ein gerichtsfestes Protokoll sollte enthalten:

  • Die genaue Schilderung der Bedrohungslage (Worte, Gesten, Mimik des Gegenübers).
  • Die vorangegangenen Deeskalationsversuche.
  • Die Begründung, warum mildere Mittel in dieser Sekunde nicht mehr ausgereicht hätten.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Information über die Rechtslage (§ 32 StGB) und stellt keine individuelle Rechtsberatung dar. In der Praxis ist eine regelmäßige Schulung in Deeskalation und rechtssicheren Interventionstechniken zwingend erforderlich.

Besonnen handeln, bevor es eskaliert: Eigenschutz, Distanz und Handlungsoptionen im Ernstfall trainieren wir im offenen Seminar „Deeskalation in der Praxis – sicher handeln & Sicherheit geben“ sowie in Inhouse-Schulungen für Ihr Team.

Zu den offenen Seminaren →Inhouse-Schulungen ansehen →

03Prävention · Sicherheits-Check

Gewaltprävention durch Raumgestaltung: Sicherheit im Sozial-, Gesundheits- Bildungs- und Behördenwesen

In sozialen und pädagogischen Arbeitsfeldern steht der Beziehungsaufbau im Vordergrund. Dennoch erfordern Beratungsgespräche, Patientenaufnahmen oder Elterngespräche eine Umgebung, die sowohl Vertrauen schafft als auch die Eigensicherung der Fachkräfte garantiert. Eine strategische Raumgestaltung reduziert Stressfaktoren für beide Seiten und sichert im Ernstfall lebenswichtige Rückzugsmöglichkeiten.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Positionierung & Fluchtwegmanagement

Gerade in engen Sprechzimmern oder Behandlungsräumen ist die Sitzordnung entscheidend:

  • Freier Rückzug: Platzieren Sie Ihren Arbeitsplatz so, dass Sie im Notfall die Tür erreichen können, ohne am Klienten oder Patienten vorbeigehen zu müssen.
  • Barrierefreie Zone: Halten Sie den Bereich zwischen Ihrem Stuhl und der Fluchttür frei von Spielzeugkisten, Rollstühlen oder Aktenordnern.
  • Sichtkontakt: In Schulen und Kitas sollten Beratungsräume nach Möglichkeit über ein Sichtfenster zum Flur verfügen, um bei Eskalationen eine lautlose Alarmierung durch Kollegen zu ermöglichen.

2. Reduzierung von Gefährdungspotenzialen im Fachkontext

In Pflege- und Erziehungseinrichtungen finden sich oft fachspezifische Gegenstände, die zweckentfremdet werden können:

  • Medizinisches Equipment & Büromaterial: Scheren, Skalpelle, schwere Locher oder Desinfektionsmittel sollten in Schränken oder Schubladen verstaut werden, die für Klienten nicht unmittelbar zugänglich sind.
  • Dekoration & Mobiliar: Schwere Vasen oder instabile Stehlampen in Beratungsinseln sollten durch feststehende oder leichte Alternativen ersetzt werden.
  • Heißgetränke: In Elterngesprächen oder Beratungen sollten heiße Getränke so platziert werden, dass sie bei einer plötzlichen Bewegung nicht als Wurfmittel genutzt werden können.

3. Alarmierung & Kommunikation in Institutionen

Wenn verbale Deeskalation scheitert, ist schnelle Hilfe durch das Team gefragt:

  • Stiller Alarm: Nutzen Sie in Ämtern oder Kliniken PC-basierte Notrufsysteme oder diskrete Alarmknöpfe unter dem Schreibtisch.
  • Das „Vier-Augen-Prinzip“: Bei angekündigten, schwierigen Gesprächen (z.B. Kindeswohlgefährdung, Entlassungen) sollte das Team informiert sein, um regelmäßig – etwa unter dem Vorwand, Unterlagen zu bringen – nach dem Rechten zu sehen.
  • Codewörter: Vereinbaren Sie ein hausinternes Codewort, um über Telefon oder Funk Unterstützung anzufordern, ohne die Situation vor Ort weiter anzuheizen.

4. Psychologische Raumwirkung

Ein Raum, der Sicherheit ausstrahlt, senkt das Aggressionslevel:

  • Licht & Akustik: Eine gute Ausleuchtung und schallschluckende Elemente verhindern das Gefühl von Enge und reduzieren die Reizüberflutung bei Klienten.
  • Wartebereiche: Minimieren Sie Frustration durch eine klare Beschilderung und eine beruhigende Gestaltung der Wartezonen in Praxen oder Behörden.

Checkliste: Der Sicherheits-Check für soziale Einrichtungen

  1. Zugang: Sitze ich näher an der Tür als mein Gegenüber?
  2. Umgebung: Sind gefährliche Gegenstände (Scheren, schwere Deko) sicher verstaut?
  3. Technik: Ist mein Notrufsystem getestet und einsatzbereit?
  4. Team: Wissen meine Kollegen, dass ich gerade ein potenziell kritisches Gespräch führe?
  5. Transparenz: Sind Sichtfenster frei und nicht durch Plakate oder Vorhänge verdeckt?

Fachlicher Hinweis für Leiter von Einrichtungen: Die Sicherheit am Arbeitsplatz ist kein „Extra“, sondern Teil der gesetzlichen Fürsorgepflicht gegenüber Ihren Mitarbeitern. Die bauliche Prävention unterstützt die Professionalität Ihres Teams und schützt die Gesundheit aller Beteiligten.

Sicherheit im eigenen Raum: In meinen Inhouse-Schulungen trainieren wir direkt in Ihren Räumlichkeiten. Sitzordnung, Fluchtwege und Distanzzonen werden dabei ganz konkret einbezogen.

Inhouse-Schulungen ansehen →

04Nachsorge · Leitfaden

Das 72-Stunden-Protokoll: Nachsorge nach einem Gewaltvorfall

Ein Übergriff am Arbeitsplatz ist ein Schock. Um die langfristigen Folgen für Betroffene abzumildern und rechtliche Ansprüche (z. B. gegenüber der Unfallversicherung) zu sichern, sollten innerhalb der ersten drei Tage gezielte Schritte erfolgen.

Dieses Protokoll dient als Leitfaden für Führungskräfte und Betroffene.

Hinweis: Das 72-Stunden-Protokoll stellt keine gesetzliche Pflicht dar, sondern eine fachlich empfohlene Best-Practice-Struktur zur Nachsorge und Qualitätssicherung.

WeiterlesenWeniger anzeigen

Warum ist die 72-Stunden-Frist so wichtig?

Beweissicherung

Erinnerungen verblassen oder werden durch Stress verzerrt. Ein zeitnahes Protokoll hat vor Gericht und gegenüber Versicherungen den höchsten Wert.

Prävention von PTBS

Eine professionelle Nachsorge innerhalb der ersten drei Tage kann das Risiko einer chronischen Posttraumatischen Belastungsstörung deutlich senken.

Haftung der Leitung

Arbeitgeber kommen so ihrer Fürsorgepflicht nach und vermeiden Vorwürfe des Organisationsverschuldens.

24 STUNDEN

Phase 1: Die ersten 24 Stunden (Akutversorgung & Meldung)

  • Vorstellung beim D-Arzt: Jede Verletzung oder massive psychische Erschütterung erfordert den Besuch bei einem Durchgangsarzt. In Bayern sind z.B. Lehrkräfte und Erzieher oft über die KUVB (Kommunale Unfallversicherung Bayern), Klinikkräfte über die jeweilige Berufsgenossenschaft (BGW) versichert.
  • Eintrag ins Verbandbuch: Dies ist die Grundlage für spätere Ansprüche. Jeder Vorfall – auch ohne sofortige Krankschreibung – gehört dokumentiert.
  • Dienstunfallmeldung (Beamtentum): Für verbeamtete Lehrkräfte oder Verwaltungskräfte gelten spezifische Fristen zur Meldung eines Dienstunfalls beim Dienstherrn (z. B. LfP).
  • Information der Leitung: Die Einrichtungsleitung (Rektorat, Pflegedienstleitung) muss informiert werden, um ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen.
48 STUNDEN

Phase 2: Nach 48 Stunden (Psychische Stabilisierung)

  • Strukturiertes Entlastungsgespräch: Ein zeitnahes Gespräch im Team oder mit einer Vertrauensperson hilft, das Erlebte einzuordnen. Es geht hier um emotionale Unterstützung, nicht um eine Fehlersuche.
  • Traumakonstabilitäts-Beratung: Nutzen Sie die speziellen Hotlines der Unfallkassen (KUVB/BayLUK). Diese bieten in Bayern oft psychologische Soforthilfe nach Gewalt am Arbeitsplatz an.
  • Schutz des pädagogischen/pflegerischen Rahmens: Es muss entschieden werden, ob die betroffene Kraft sofort wieder mit dem „Verursacher“ (Schüler/Patient) arbeiten kann oder ob eine vorübergehende Trennung zum Schutz beider Seiten nötig ist.
72 STUNDEN

Phase 3: Innerhalb von 72 Stunden (Dokumentation & Analyse)

  • Das qualifizierte Gedächtnisprotokoll: Erstellen Sie einen sachlichen Bericht, bevor Details verblassen.
    • Kontext: Was war die pädagogische/pflegerische Ausgangssituation?
    • Eskalation: Welche Warnsignale gab es? Welche Deeskalationstechniken wurden angewandt?
    • Zeugen: Wer war anwesend (Kollegen, andere Schüler/Patienten)?
  • Fachliche Fallbesprechung: Analysieren Sie den Vorfall im Team oder in der Supervision.
    • Klientenfokus: War der Vorfall Teil einer Verhaltensstörung oder einer klinischen Diagnose? Muss der individuelle Förderplan oder Pflegeplan angepasst werden?
    • Systemblick: Gab es strukturelle Auslöser (z. B. Personalmangel, Reizüberflutung im Raum)?
  • Kritische Selbstreflexion der Fachkraft: Ein wesentliches Qualitätsmerkmal professionellen Handelns ist die Analyse der eigenen Rolle in der Interaktionsschleife:
    • Wahrnehmung: Habe ich nonverbale Warnsignale des Gegenübers aufgrund von Stress oder Routine übersehen?
    • Eigener Anteil: Hat meine Körpersprache, Wortwahl oder eine (unbewusste) Grenzüberschreitung die Eskalationsdynamik ungewollt verstärkt?
    • Professionalität: Ist es mir gelungen, professionell zu bleiben, oder bin ich in eine persönliche emotionale Reaktion (z. B. Wut, Abwehr) geraten?
  • Gefährdungsbeurteilung: Muss die Einrichtung organisatorisch reagieren (z. B. Anpassung der Hausordnung, Doppelbesetzung in kritischen Zeiten)?

Warum die Selbstreflexion hier so wichtig ist:

In helfenden Berufen ist man selbst das „wichtigste Werkzeug“. Eine fachlich-kritische Reflexion dient nicht der Schuldzuweisung, sondern dem Schutz der Fachkraft. Sie hilft dabei, aus der „Opferrolle“ herauszukommen, die eigene Wirksamkeit zu analysieren und für künftige Situationen neue Handlungsoptionen zu gewinnen.

Warum diese Schritte für Ihre Einrichtung von zentraler Bedeutung sind:

  • Haftungssicherung: Ohne zeitnahe ärztliche Dokumentation wird die Anerkennung von Spätfolgen (z. B. PTBS) durch die Unfallkassen extrem schwierig.
  • Fürsorgepflicht: Die Leitung beweist durch das Protokoll, dass sie Gewalt nicht ignoriert und ihre Mitarbeiter aktiv schützt.
  • Lernende Organisation: Nur durch Dokumentation lassen sich Muster erkennen und künftige Eskalationen verhindern.

Nachsorge als Teil der Kompetenz: Wie Teams nach einem Vorfall stabilisieren, reflektieren und handlungsfähig bleiben, ist fester Bestandteil meiner Inhouse-Schulungen – einschließlich Online-Follow-up. Belastungsreaktionen erkennen und kollegial stabilisieren ist auch Thema im offenen Seminar „Deeskalation in der Praxis“.

Inhouse-Schulungen ansehen →Zu den offenen Seminaren →

05Beziehung · Haltung

Kontakt entsteht, wenn es sicher genug ist: Warum jede Beziehung mit Sicherheit beginnt

Ob in der Kita, im Klassenzimmer, in der Jugendhilfe, in der Pflege oder zu Hause: Gute Arbeit mit Menschen beginnt mit Kontakt. Doch Kontakt lässt sich nicht herstellen, einfordern oder anordnen. Er entsteht dann, wenn sich unser Gegenüber sicher genug fühlt. Dieser Beitrag zeigt, warum Kontakt ein lebenslanges Grundbedürfnis ist, weshalb er nicht allein über den Verstand läuft und was das für die Haltung von Fachkräften und Bezugspersonen bedeutet.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Kontakt – ein Grundbedürfnis, das uns ein Leben lang begleitet

Das Neuroaffektive Beziehungsmodell (NARM) nach Laurence Heller beschreibt Kontakt als grundlegendes menschliches Bedürfnis – nicht nur in der frühen Kindheit, sondern ein Leben lang. Kontakt bildet dabei das Fundament: Erst wenn er gelingt, können weitere Beziehungsthemen wie Einstimmung, Vertrauen oder Autonomie überhaupt bearbeitet werden. Wer mit Menschen arbeitet, arbeitet deshalb immer zuerst an der Qualität des Kontakts.

2. Frühe Erfahrungen wirken im Hier und Jetzt

Wie ein Mensch Kontakt erlebt, ist von sehr frühen Erfahrungen geprägt – aus einer Zeit, in der wir noch nicht sprechen und uns später nicht bewusst erinnern können. Diese Erfahrungen wirken wie eine innere Grundeinstellung: In jeder neuen Begegnung wird sie in Sekundenbruchteilen aktiviert, lange bevor wir darüber nachdenken.

In den ersten Momenten einer Begegnung schwingen deshalb oft unausgesprochene Fragen mit: Kann ich hier sein? Bin ich willkommen? Die Antwort darauf gibt nicht das, was wir sagen, sondern das, was unser Gegenüber in diesem Moment an Sicherheit spürt.

3. Kontakt geschieht auf drei Ebenen gleichzeitig

Körper

Anspannung, Atmung, Herzschlag oder der Impuls, auszuweichen – der Körper reagiert oft zuerst.

Gefühl

Freude, Unsicherheit, Sehnsucht oder Angst können in derselben Begegnung nebeneinander stehen.

Gedanken

Erwartungen, Bewertungen und innere Sätze bestimmen mit, wie wir eine Situation einordnen.

Wer diese drei Ebenen bei sich selbst wahrnehmen kann, versteht auch die Reaktionen des Gegenübers besser – und kann gelassener darauf antworten.

4. Was das für die Praxis bedeutet

  • Einladen statt fordern: Ein Kontaktangebot lässt dem Gegenüber die Wahl. Genau diese Wahl schafft Sicherheit.
  • Tempo herausnehmen: Ruhige Sprache und bewusste Pausen signalisieren: Hier ist keine Eile – und keine Gefahr.
  • Neugierig bleiben: Statt Verhalten sofort zu bewerten, lohnt die Frage, was mein Gegenüber gerade braucht, um sich sicherer zu fühlen.
  • Eigene Reaktionen wahrnehmen: Die eigene innere Verfassung überträgt sich. Fachkräfte sind Teil des Kontakts – nicht nur Beobachter.

Reflexionsfragen für Ihren Alltag

  1. Wie beginne ich Begegnungen – eher einladend oder eher fordernd?
  2. Woran merke ich an mir selbst, dass eine Situation angespannt ist?
  3. Was braucht mein Gegenüber, um sich in meiner Nähe ein Stück sicherer zu fühlen?

Vertiefung im offenen Seminar: Wie Kontakt dosiert werden kann, wie Bindung Schritt für Schritt wächst und welche Beziehungsbotschaften im Alltag tragen, erarbeiten wir praxisnah im 1-Tages-Seminar „Vom Kontakt zur Bindung – wie Sicherheit Verbindung möglich macht“.

Zum Seminar →

06Trauma · Nervensystem

Wenn Nähe zur Herausforderung wird: Kontaktvermeidung traumasensibel verstehen

Ein Kind weicht jedem Blick aus, ein Jugendlicher blockt jedes Gesprächsangebot ab, ein erwachsener Mensch zieht sich immer wieder zurück – in der Familie, in der Schule oder im beruflichen Alltag. Schnell entsteht der Eindruck von Desinteresse oder Ablehnung. Aus traumasensibler Sicht lohnt sich ein anderer Blick: Für viele Menschen ist Kontakt Sehnsucht und Gefahr zugleich. Kontaktvermeidung ist dann keine Absage an die Beziehung, sondern eine verständliche Schutzreaktion.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Kontakt zwischen Sehnsucht und Gefahr

Wer in Beziehungen verletzt, übergangen oder überfordert wurde, trägt oft beides in sich: den Wunsch nach Nähe und die Erfahrung, dass Nähe gefährlich sein kann. Das Nervensystem hat gelernt, Kontakt vorsichtig zu prüfen. Rückzug, Abwehr oder scheinbare Gleichgültigkeit sind deshalb häufig die erste, erwartbare Reaktion – gerade dann, wenn eine Beziehung neu ist oder wieder Vertrauen wachsen soll.

2. Warum Belastung nicht nur vom Ereignis abhängt

Ob eine Erfahrung zur dauerhaften Belastung wird, hängt nicht allein davon ab, wie schwer ein Ereignis von außen wirkt. Entscheidend ist, wie es erlebt und verarbeitet werden konnte. Drei Faktoren spielen dabei eine zentrale Rolle:

Erlebte Bedrohung

Die Situation wird als gefährlich erlebt – unabhängig davon, wie sie von außen erscheint.

Kontrollverlust

Es gibt keine Möglichkeit, das Geschehen zu beeinflussen oder ihm auszuweichen.

Fehlende Bewältigung

Es fehlt an Unterstützung und Nachsorge – und an einer Antwort auf die Frage: „Was tue ich beim nächsten Mal?“

Je jünger ein Mensch ist, desto tiefgreifender können solche Erfahrungen wirken.

3. Schutzreaktionen sind Überlebensstrategien

Unter Bedrohung reagiert das Nervensystem automatisch und schneller, als wir bewusst nachdenken können. Typische Schutzreaktionen sind:

  • Kampf: Angriff, Widerstand, laute Abwehr
  • Flucht: Rückzug, Weglaufen, Kontaktabbruch
  • Erstarren: scheinbare Teilnahmslosigkeit, „Abschalten“
  • Unterwerfung: übermäßige Anpassung, schnelles Nachgeben

Was im Alltag – ob in der Familie, in der Schule oder im Beruf – unangemessen wirkt, war oft einmal eine sinnvolle, ja lebensrettende Antwort auf eine bedrohliche Situation.

4. Was wir tun können

  • Nicht persönlich nehmen: Rückzug ist eine Information über das Erleben des Gegenübers – kein Urteil über uns als Person.
  • Wahlmöglichkeiten anbieten: Wer wählen kann, erlebt Einfluss. Wahlmöglichkeiten wirken dem Gefühl von Ohnmacht entgegen.
  • Druck herausnehmen: Kontakt dosiert anbieten und das Tempo – wo möglich – dem Gegenüber überlassen.
  • Verlässlich bleiben: Bindung wächst schrittweise: vom ersten Kontakt über Versorgung bis zum eigenständigen Erkunden. Dafür braucht es Zeit und Wiederholung.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine Diagnostik oder Therapie. Bei Hinweisen auf eine Traumafolgestörung sollten spezialisierte Fach- oder Beratungsstellen einbezogen werden.

Vertiefung in den offenen Seminaren: Wie wir Kontakt so gestalten, dass er sich für unser Gegenüber sicher genug anfühlt, erarbeiten wir im Seminar „Vom Kontakt zur Bindung“. Traumafolgen, Stabilisierung und Co-Regulation stehen im Mittelpunkt des Seminars „Traumapädagogisch handeln“. Beide Seminare richten sich an Fachkräfte, Eltern und alle Interessierten.

Zu den Seminaren →

07Modell · Handlungsleitfaden

Das E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell nach Lindh: Orientierung, wenn es darauf ankommt

Ein Gespräch kippt, eine Person wird laut, unberechenbar, vielleicht übergriffig. Genau in diesem Moment entscheidet sich, ob eine Fachkraft handlungsfähig bleibt oder in ein reflexhaftes Muster gerät. Viele haben bereits ein Deeskalationstraining besucht – und berichten dennoch, dass ihnen das Gelernte im entscheidenden Moment nicht zur Verfügung steht. Das E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell nach Lindh wurde entwickelt, um genau diese Lücke zu schließen: als Handlungsleitfaden, der auch unter Stress abrufbar bleibt.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Die Wissen-Handeln-Lücke

Unter starkem emotionalem und körperlichem Stress ist der Zugriff auf erlerntes Wissen erschwert – ausgerechnet dann, wenn er am dringendsten gebraucht würde. Hinzu kommt: In Situationen hoher Erregung ist auch unser Gegenüber oft kaum über Argumente und Erklärungen erreichbar. Was dann trägt, sind ein ruhiges, klares Auftreten, verlässliche Struktur und eine innere Orientierung, die nicht erst mühsam abgerufen werden muss.

2. Die Grundhaltung: Verhalten ist ein Signal

Verhalten, das im ersten Moment aggressiv oder unangemessen erscheint, lässt sich in der Regel auch als Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses oder einer aktivierten Schutzreaktion verstehen. Daraus folgt der Kern des Modells: Deeskalation beginnt nicht beim Gegenüber, sondern bei der eigenen Selbstregulation und Haltung.

3. Die acht Elemente des Modells

E – Eigenwahrnehmung schärfen

Die eigene Anspannung bewusst wahrnehmen – als Grundlage, um andere mitregulieren zu können.

M – Mentalisieren

Eigene und fremde innere Zustände wahrnehmen und im Handeln berücksichtigen.

P – Perspektive wechseln

Verhalten als entwicklungslogisch sinnvoll oder als missglückten Mitteilungsversuch würdigen.

A – Achtsam sein

Präsenz im Kontakt und eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz.

T – Transparenz schaffen

Sicherheit durch Vorhersehbarkeit und Klarheit über Zuständigkeiten.

H – Halt geben

Struktur, Orientierung und Schutz der Würde in emotionalen Krisen.

I – Innere Bedürfnisse erkennen

Bei mir: Was brauche ich gerade? Beim Gegenüber: Bedürfnis als Hypothese anbieten.

E – Entlastung schaffen

Erregung gemeinsam reduzieren, damit wieder Kommunikation möglich wird.

E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell nach Lindh: acht Schritte von der Selbstregulation zur Co-Regulation – Eigenwahrnehmung schärfen, Mentalisieren, Perspektive wechseln, Achtsam sein, Transparenz schaffen, Halt geben, Innere Bedürfnisse erkennen, Entlastung schaffen
Das E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell nach Lindh (zum Vergrößern klicken)

4. Eingebettet in die LINDH-Kompetenzpyramide

Das E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell ist Teil eines größeren Rahmens: Die LINDH-Kompetenzpyramide beschreibt vier aufeinander aufbauende Stufen – von der Haltung über die Einordnung bis zur Intervention und zum Transfer. Während die Pyramide zeigt, welche Kompetenzen aufgebaut werden, liefert das Modell den abrufbaren Kompass für den Moment selbst.

LINDH-Kompetenzpyramide: Haltung, Einordnung, Intervention, Transfer
Die LINDH-Kompetenzpyramide (zum Vergrößern klicken)
  1. Haltung: Mentalisierung und eine traumasensible Grundhaltung als Fundament.
  2. Einordnung: Eskalationsdynamiken frühzeitig erkennen und richtig einordnen.
  3. Intervention: Eigenschutz, deeskalierende Kommunikation, Körpersprache und Distanz.
  4. Transfer: Nachsorge, Reflexion und Beziehungsreparatur nach einer Krise.

5. Worauf das Modell aufbaut

Das Modell erfindet die Deeskalation nicht neu. Es verbindet bewährte fachliche Perspektiven zu einem durchgängigen, alltagstauglichen System:

  • Mentalisierung in der Tradition von Peter Fonagy
  • Traumapädagogische Haltung in Anlehnung an Wilma Weiß
  • Eskalationslogik in Anlehnung an das Stufenmodell von Friedrich Glasl
  • Entwicklungsdynamische Perspektive in Anlehnung an das SEED-Modell von Anton Došen

Transparenz: Die einzelnen Theorien sind in der Fachliteratur breit untersucht. Die Verbindung zum E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell und zur LINDH-Kompetenzpyramide ist praxisentwickelt; ihre Wirksamkeit als Gesamtsystem wurde bislang nicht in kontrollierten Studien überprüft. Die Erfahrungen stammen aus der Durchführung realer Fortbildungen und den Rückmeldungen der Teilnehmenden. Die Marke E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell nach Lindh ist beim EUIPO angemeldet.

Vom Modell in die Praxis: Wie das E.M.P.A.T.H.I.E.-Modell in akuten Situationen konkret angewendet wird, üben wir praxisnah im offenen Seminar „Deeskalation in der Praxis – sicher handeln & Sicherheit geben“ sowie in allen Inhouse-Schulungen.

Zum Seminar →Inhouse-Schulungen ansehen →

08Daten · Gesundheit, Soziales, Verwaltung

Gewalt gegen Beschäftigte: Was aktuelle Daten zeigen

Wie erleben Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen, in der öffentlichen Verwaltung und in Krankenhäusern Gewalt durch Patientinnen, Klienten, Angehörige oder Bürger – und wie gehen Einrichtungen damit um? Dieser Beitrag fasst repräsentative Erhebungen aus den Jahren 2024 und 2025 zusammen, mit Schaubildern, Einordnung und Links zu den Originalquellen. Daten zu Schulen finden Sie in Beitrag 09.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Wie Beschäftigte die Entwicklung einschätzen

Im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) hat das Institut forsa vom 26. November bis 4. Dezember 2024 insgesamt 2.512 abhängig Beschäftigte befragt, die bei ihrer Arbeit häufig Kontakt mit betriebsfremden Personen haben – etwa mit Kunden, Patienten oder Bürgern. Eine der Fragen: Hat Gewalt durch solche Personen in den letzten zwölf Monaten in Ihrem Betrieb zugenommen?

Gewalt durch betriebsfremde Personen hat in den letzten zwölf Monaten in meinem Betrieb …

Antwortverteilung nach Branche, Anteile in Prozent

eher zugenommenwenig veränderteher abgenommenweiß nicht
Öffentliche Verwaltung33 % eher zugenommen
Gesundheits- und Sozialwesen30 % eher zugenommen
Erziehung und Unterricht20 % eher zugenommen
Alle Branchen18 % eher zugenommen
Abbildung 1: Einschätzung der Entwicklung von Gewalt durch betriebsfremde Personen (eigene Darstellung). Datenquelle: DGUV / forsa, Dezember 2024

In allen Branchen nimmt die Mehrheit wenig Veränderung wahr. In der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheits- und Sozialwesen sieht jedoch rund ein Drittel der Befragten eine Zunahme – deutlich mehr als im Durchschnitt aller Branchen. Mit der Betriebsgröße steigt dieser Anteil ebenfalls: von 7 % bei weniger als 10 Beschäftigten auf 23 % bei mehr als 500 Beschäftigten.

2. Selbst erlebte verbale und psychische Übergriffe

36 %

der Befragten haben in den letzten zwölf Monaten verbale oder psychische Übergriffe durch betriebsfremde Personen erlebt.

über 50 %

waren es im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung.

32 %

haben Beschimpfungen oder Beleidigungen erlebt – die häufigste Form.

Gemeint sind etwa Beschimpfungen, Anschreien, Herabsetzen, Bloßstellen, Drohungen oder sexualisierte Äußerungen. Die Werte beziehen sich ausschließlich auf Beschäftigte mit häufigem Kontakt zu betriebsfremden Personen.

3. Wie Vorfälle gemeldet werden

Den schlimmsten Übergriff der letzten zwölf Monate haben die Betroffenen …

Basis: Befragte, die psychische oder körperliche Übergriffe erlebt haben; Mehrfachnennungen möglich

dem Arbeitgeber oder der Führungskraft gemeldet52 %
bei Polizei oder Staatsanwaltschaft angezeigt12 %
weder gemeldet noch angezeigt36 %
Abbildung 2: Meldeverhalten nach Übergriffen (eigene Darstellung). Datenquelle: DGUV / forsa, Dezember 2024

Mehr als ein Drittel der Betroffenen hat den schlimmsten Vorfall demnach weder intern gemeldet noch angezeigt. Für Einrichtungen bedeutet das: Ein Teil der Vorfälle wird ihnen gar nicht bekannt – und damit auch nicht nachbereitet.

4. Krankenhäuser

Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) hat für das Krankenhaus Barometer 2025 von Mai bis Juli 2025 insgesamt 376 Allgemeinkrankenhäuser ab 100 Betten befragt. Die Angaben stammen von den Krankenhäusern selbst.

66 %

der Krankenhäuser berichten von mehr körperlichen Übergriffen als vor fünf Jahren (24 % deutlich, 42 % mäßig).

95 %

der Krankenhäuser verzeichneten 2024 Übergriffe in ihrer Notaufnahme.

51 %

der körperlichen Übergriffe betrafen im Durchschnitt Pflegekräfte.

Folgen von Übergriffen für die Beschäftigten im Jahr 2024

Anteil der Krankenhäuser, in denen die jeweilige Folge auftrat

Merkliche psychische Belastung (häufig)21 %
Arbeitsunfähigkeit (gelegentlich)38 %
Therapeutische Behandlung (gelegentlich)32 %
Bitte um Versetzung (gelegentlich)28 %
Kündigung (gelegentlich)16 %
Abbildung 3: Folgen von Übergriffen auf Krankenhausbeschäftigte (eigene Darstellung). Datenquelle: Deutsches Krankenhausinstitut, Krankenhaus Barometer 2025

5. Was Einrichtungen bereits tun

In der DGUV-Befragung gaben die Beschäftigten an, welche Maßnahmen gegen Gewaltvorfälle es in ihrem Betrieb gibt:

Maßnahmen gegen Gewaltvorfälle im eigenen Betrieb

Anteil der Befragten, die von der jeweiligen Maßnahme berichten

MaßnahmeGesundheits- und SozialwesenÖffentliche VerwaltungAlle Branchen
Deeskalations- oder Kommunikationstrainings49 %55 %37 %
Psychologische Erst- oder Nachbetreuung nach Gewaltvorfällen36 %43 %28 %
Notfallplan für Gewaltvorfälle30 %36 %27 %
Systematische Erfassung und Auswertung von Gewaltereignissen32 %35 %23 %
Abbildung 4: Vorkehrungen gegen Gewaltvorfälle nach Branche (eigene Darstellung). Datenquelle: DGUV / forsa, Dezember 2024

In Krankenhäusern bieten laut Krankenhaus Barometer 77 % Deeskalationstrainings für besonders betroffene Bereiche wie die Notaufnahme an, 47 % für die Beschäftigten aller Stationen.

Zur Einordnung der Daten: Befragungen geben Einschätzungen und Erfahrungen der Befragten wieder. Die DGUV-Befragung bezieht sich auf Beschäftigte mit häufigem Kontakt zu betriebsfremden Personen – nicht auf alle Beschäftigten. Das Krankenhaus Barometer gibt Angaben der Krankenhäuser wieder, nicht der einzelnen Beschäftigten. Die Erhebungen sind nicht direkt miteinander vergleichbar – zusammen ergeben sie aber ein differenziertes Gesamtbild.

Vom Wissen in die Praxis: Wie Sie und Ihr Team in angespannten Situationen sicher handeln und Eskalationen frühzeitig begegnen, üben wir praxisnah in offenen Seminaren und in Inhouse-Schulungen für Ihre Einrichtung.

Zu den offenen Seminaren →Inhouse-Schulungen ansehen →

09Daten · Schule

Gewalt und Belastung an Schulen: Was Statistiken und Befragungen zeigen

Wie entwickelt sich Gewalt an Schulen – und wie erleben Lehrkräfte und Schulleitungen den Alltag mit herausforderndem Verhalten? Dieser Beitrag bündelt die Polizeiliche Kriminalstatistik für Bayern sowie repräsentative Befragungen von Lehrkräften und Schulleitungen aus den Jahren 2024 bis 2026, mit Schaubildern, Einordnung und Links zu den Originalquellen.

WeiterlesenWeniger anzeigen

1. Polizeilich erfasste Gewalt an Schulen in Bayern

Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Fälle, die sich an Schulen ereignet haben und der Polizei bekannt wurden. Das Deutsche Schulportal hat die Zahlen der Länder zu Gewalttaten an Schulen zusammengestellt; gezählt werden leichte Körperverletzungen und Gewaltkriminalität.

Polizeilich erfasste Gewalttaten an Schulen in Bayern

Leichte Körperverletzung und Gewaltkriminalität, Anzahl der Fälle

20222.228
20243.030
Abbildung 1: Gewalttaten an Schulen in Bayern (eigene Darstellung). Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik der Länder, aufbereitet vom Deutschen Schulportal

Das entspricht einem Anstieg um 36 % innerhalb von zwei Jahren. Für das Jahr 2025 meldet das Bayerische Innenministerium insgesamt 8.989 Straftaten mit der Tatörtlichkeit Schule – 10,5 % weniger als im Vorjahr. Diese Zahl umfasst alle Delikte; eine gesonderte Zahl nur für Gewalttaten 2025 lag bei Redaktionsschluss nicht vor.

2. Gewalt unter Schülerinnen und Schülern aus Sicht der Lehrkräfte

Für das „DGUV Barometer Bildungswelt 2024“ hat forsa im August 2024 insgesamt 1.031 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen befragt.

Wahrnehmung von Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen

Anteile in Prozent

Zunahme psychischer Gewalt unter Schüler:innen nach der Pandemie56 %
Zunahme körperlicher Gewalt unter Schüler:innen nach der Pandemie44 %
Gewaltprävention ist im Schulprogramm verankert84 %
Abbildung 2: Gewalt unter Schülerinnen und Schülern (eigene Darstellung). Datenquelle: DGUV Barometer Bildungswelt 2024

3. Gewalt gegen Lehrkräfte aus Sicht der Schulleitungen

Im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) hat forsa vom 11. September bis 9. Oktober 2024 bundesweit über 1.300 Schulleitungen befragt. Die Frage lautete jeweils, ob es an der Schule in den letzten fünf Jahren entsprechende Fälle gab.

Schulen mit Fällen von Gewalt gegen Lehrkräfte in den letzten fünf Jahren

Anteil der Schulleitungen, Vergleich der Befragungen 2018 und 2024

Direkte psychische Gewalt (z. B. Beschimpfen, Bedrohen, Mobbing)
201848 %
202465 %
Psychische Gewalt über das Internet
201820 %
202436 %
Körperliche Angriffe
201826 %
202435 %
Befragung 2018Befragung 2024
Abbildung 3: Gewalt gegen Lehrkräfte (eigene Darstellung). Datenquelle: VBE / forsa, Schulleitungsbefragung 2024

Nur 58 % der Schulleitungen sahen sich in der Lage, betroffene Lehrkräfte ausreichend zu unterstützen. Als besonders wichtige Maßnahmen gegen Gewalt an Schulen nennen knapp zwei Drittel Fort- und Weiterbildungen, Trainings und Workshops zu Prävention und Deeskalation (65 %) sowie schulische Leitlinien (64 %).

4. Herausforderndes Verhalten im Schulalltag

Für das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung hat forsa vom 11. November bis 2. Dezember 2025 insgesamt 1.547 Lehrkräfte an allgemein- und berufsbildenden Schulen befragt.

Verhalten der Schülerinnen und Schüler als größte berufliche Herausforderung

Anteil der Lehrkräfte

Schulbarometer 202435 %
Schulbarometer 202542 %
Schulbarometer 202646 %
Abbildung 4: Verhalten als größte Herausforderung (eigene Darstellung). Datenquelle: Deutsches Schulbarometer Lehrkräfte 2026

Die Kategorie „Verhalten“ umfasst unterschiedliche Aspekte. Auf die Frage, welches Verhalten sie als herausfordernd erleben, antworteten die Lehrkräfte offen:

Welches Verhalten Lehrkräfte als herausfordernd beschreiben

Anteil der Lehrkräfte, offene Angaben, Mehrfachnennungen möglich

Sozialverhalten25 %
Mangelnde Motivation, fehlender Lernwille13 %
Psychische Probleme und Belastungen7 %
Konzentrationsprobleme5 %
Aggressivität, Gewalt, Mobbing5 %
Problematische Mediennutzung5 %
Abbildung 5: Herausforderndes Verhalten im Detail (eigene Darstellung). Datenquelle: Deutsches Schulbarometer Lehrkräfte 2026

Belastung und Schutzfaktoren: Laut Schulbarometer sind Probleme mit Gewalt unter Schülerinnen und Schülern der zentrale Risikofaktor für emotionale Erschöpfung von Lehrkräften. Eine kooperative Schulkultur und Unterstützungsangebote wie Schulsozialarbeit wirken dagegen schützend.

5. Wo Lehrkräfte Fortbildungsbedarf sehen

Fortbildungsbedarfe von Lehrkräften

Anteil der Lehrkräfte, Auswahl aus den erfragten Themenfeldern

Nutzung von Künstlicher Intelligenz52 %
Umgang mit psychisch belasteten Schüler:innen47 %
Umgang mit beruflichen Belastungen35 %
Schülerverhalten und Klassenführung25 %
Abbildung 6: Fortbildungsbedarfe (eigene Darstellung). Datenquelle: Deutsches Schulbarometer Lehrkräfte 2026

Am häufigsten genannt wird der Bereich Künstliche Intelligenz; psychosoziale Themen folgen direkt danach.

Zur Einordnung der Daten: Befragungen geben Einschätzungen und Erfahrungen der Befragten wieder. Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst nur Fälle, die der Polizei bekannt werden (Hellfeld); Veränderungen können auch auf ein anderes Anzeigeverhalten zurückgehen. Die Erhebungen sind nicht direkt miteinander vergleichbar – zusammen ergeben sie aber ein differenziertes Gesamtbild.

Vom Wissen in die Praxis: Wie Lehrkräfte und Schulteams in angespannten Situationen sicher handeln und Eskalationen frühzeitig begegnen, üben wir praxisnah in Inhouse-Schulungen für Kollegien und in offenen Seminaren.

Schulungen für Lehrkräfte ansehen →Zu den offenen Seminaren →

Anlaufstellen

Hilfs- und Beratungsstellen in Bayern zur Gewaltprävention

Bei akuter Gefahr: Polizei (Notruf) 110 Rettungsdienst 112
Offizielle Quellen

Amtliche / Staatliche Informationen

Vom Wissen in die Praxis

Theoretische Inhalte ersetzen kein praktisches Deeskalationstraining. In meinen Fortbildungen üben wir, was in der Krise wirklich trägt.